Die Naegele-Regel: So berechnet jeder Frauenarzt deinen Geburtstermin
Die Naegele-Regel ist seit dem 19. Jahrhundert der Standard zur ET-Berechnung. Wie sie funktioniert, woher die 280 Tage stammen und wann sie ungenau ist.
Wenn deine Frauenärztin oder dein Frauenarzt den Geburtstermin in den Mutterpass einträgt, steht dahinter meistens eine Formel, die ein Heidelberger Geburtshelfer 1812 aufgeschrieben hat: die Naegele-Regel. Sie ist verblüffend einfach, in den meisten Fällen erstaunlich genau, und hat dennoch Schwachstellen, die jede Schwangere kennen sollte.
Die Formel in einer Zeile
Franz Karl Naegele (1778-1851), ab 1810 Ordinarius für Geburtshilfe in Heidelberg, beobachtete in seiner Praxis, dass zwischen dem ersten Tag der letzten Regelblutung und der Geburt im Mittel rund 280 Tage liegen. Erste Veröffentlichung 1812, die heute gebräuchliche Form findet sich in seinem Lehrbuch der Geburtshülfe (1830):
ET = Erster Tag der letzten Periode (LMP) + 7 Tage − 3 Monate + 1 Jahr
Ein Beispiel macht es greifbar. Wer am 15. März 2026 den ersten Tag der letzten Periode hatte, addiert 7 Tage (22. März), zieht 3 Monate ab (22. Dezember 2025) und addiert ein Jahr: 22. Dezember 2026. Dasselbe Ergebnis bekommt man durch die einfachere Variante: LMP + 280 Tage. Beide Wege führen zum gleichen Datum, die historische Version war für die Kopfrechnung im Klinikalltag praktisch.
Warum 280 Tage
Die 280 Tage entsprechen genau 40 Wochen oder 10 Mondmonaten. Naegele übernahm die Zählung aus der biblischen Tradition (40 Tage, 40 Wochen sind in jüdischer Zahlensymbolik geläufig) und kombinierte sie mit eigenen Beobachtungen. Was ihm noch fehlte, war die Erkenntnis, dass der Eisprung im 28-Tage-Standardzyklus etwa am Tag 14 stattfindet, also exakt 266 Tage vor dem statistischen Geburtstermin. Die 266 Tage nach der Befruchtung entsprechen der biologisch sauberen Schwangerschaftsdauer; die 14 Tage zwischen Periode und Eisprung kommen als kalendarischer Zuschlag oben drauf.
Was die Regel nicht abbildet
Die Naegele-Regel macht eine zentrale Annahme: einen 28-Tage-Zyklus mit Eisprung am Tag 14. In der Realität ist beides oft anders. Eine Auswertung von Hebammen-Praxis-Daten zeigt: nur etwa 13 Prozent aller Frauen haben tatsächlich einen exakt 28-tägigen Zyklus (Bull et al. 2019, npj Digital Medicine, basierend auf 600.000+ Zyklen). Bei kürzerem oder längerem Zyklus liegt die reine Naegele-Berechnung systematisch daneben. Daher die erweiterte Naegele-Regel, die unser Rechner verwendet:
ET = LMP + 280 Tage + (individuelle Zykluslänge − 28)
Wer einen 32-Tage-Zyklus hat, kommt rechnerisch 4 Tage später dran. Wer einen 25-Tage-Zyklus hat, entsprechend 3 Tage früher. Die Korrektur ist im Mutterpass üblich, hängt aber davon ab, ob die Schwangere ihre Zykluslänge sicher kennt, was viele nicht tun.
Wie genau ist die Naegele-Regel wirklich
Die ehrliche Antwort: weniger genau, als die punktgenaue ET-Angabe suggeriert. Die Auswertung deutscher Geburtskliniken zeigt folgendes Bild:
| Geburt im Verhältnis zum ET | Anteil aller Geburten |
|---|---|
| Exakt am ET | ca. 4 Prozent |
| Innerhalb ET ± 5 Tage | ca. 40 Prozent |
| Innerhalb ET ± 10 Tage | ca. 70 Prozent |
| Vor SSW 37 (Frühgeburt) | ca. 9 Prozent |
| Nach ET (Terminüberschreitung ≥ 1 Tag) | ca. 60 Prozent |
Wer am ET noch nicht in den Wehen liegt, ist also in guter Gesellschaft. Etwa zwei von fünf Babys lassen sich etwas mehr Zeit als die Naegele-Rechnung vorsieht.
Wann Ultraschall die Naegele-Regel schlägt
Die Naegele-Regel funktioniert am besten, wenn der LMP-Tag wirklich sicher bekannt ist. Bei unregelmäßigen Zyklen, hormoneller Verhütung kurz vor der Schwangerschaft oder unklarer letzter Periode wird der ET in der Klinik per Ultraschall korrigiert. Im ersten Trimester (SSW 7-13) wird die Scheitel-Steiß-Länge (SSL, oder CRL für Crown-Rump-Length) gemessen. Diese Methode hat in dieser Phase eine Genauigkeit von etwa ± 5 Tagen, ist also deutlich präziser als jede Datumsrechnung.
Wenn rechnerischer ET und Ultraschall-ET um mehr als 7 Tage abweichen, wird laut DEGUM-Empfehlung der Ultraschall-Wert übernommen. Im Mutterpass steht dann ein korrigierter ET, der ab da bindend ist. Das ist wichtig, weil Mutterschutz, Frühgeburts-Definition und Übertragungs-Grenze alle ab diesem Datum berechnet werden.
Was die Naegele-Regel trotzdem unschlagbar macht
Trotz aller Einschränkungen ist die Naegele-Regel bis heute der Standard für die Erstberechnung in der Klinik. Drei Gründe: Sie ist im Kopf rechenbar, sie braucht nur eine einzige Information (den LMP-Tag), und sie liefert bei normalen Zyklen ein Ergebnis, das gut genug für die ersten Wochen ist. Erst wenn der Ultraschall greift, wird verfeinert. Wer den ET über unseren ET-Rechner berechnet, bekommt die Naegele-Berechnung mit individueller Zyklus-Korrektur, dieselbe Methode, die im Mutterpass verwendet wird.
Quellen
- AWMF S2k-Leitlinie 015-088: Geburtseinleitung, DGGG/OEGGG/SGGG, Version 1.1 (Dez. 2020, Misoprostol-Addendum März 2021)
- Jukic AM et al. (2013): Length of human pregnancy and contributors to its natural variation, Human Reproduction 28(10):2848-2855
- Berufsverband der Frauenärzte e.V.: Schwangerschaftsverlauf, Berechnung des Geburtstermins
- F. K. Naegele: Lehrbuch der Geburtshülfe, 1830, historische Originalformel
Häufige Fragen
Warum 280 Tage und nicht 9 Monate?
280 Tage entsprechen exakt 40 Schwangerschaftswochen oder 10 Mondmonaten zu je 28 Tagen. Die Aussage "9 Monate Schwangerschaft" stammt aus der Kalender-Monatszählung (12 Monate pro Jahr), die Schwangerschaftswochen rechnen aber präziser mit 4-Wochen-Einheiten.
Wird die Naegele-Regel ab dem Befruchtungstag oder ab der Periode gerechnet?
Ab dem ersten Tag der letzten Periode (LMP). Das ist die Konvention seit dem 19. Jahrhundert und im Mutterpass so verankert. Die tatsächliche Befruchtung lag bei einem 28-Tage-Zyklus etwa 14 Tage später, woraus sich die biologisch saubere Schwangerschaftsdauer von 266 Tagen ergibt.
Was ist die erweiterte Naegele-Regel?
Eine Anpassung der Originalformel, die individuelle Zykluslängen berücksichtigt: ET = LMP + 280 Tage + (Zykluslänge − 28). Bei einem 30-Tage-Zyklus kommen 2 Tage dazu, bei einem 26-Tage-Zyklus 2 Tage ab. Diese Variante wird in allen modernen ET-Tools verwendet.
Wann überschreibt der Ultraschall den per Naegele berechneten ET?
Wenn die Abweichung im ersten Trimester (SSW 7-13) mehr als 7 Tage beträgt, übernimmt nach DEGUM-Empfehlung der per Scheitel-Steiß-Länge berechnete Ultraschall-ET als verbindliches Datum. Mutterschutz, Frühgeburts- und Übertragungs-Definitionen richten sich dann nach dem korrigierten ET.
Kann ich den ET selbst per Hand ausrechnen?
Ja, mit der Originalformel: ersten Tag der letzten Periode nehmen, 7 Tage addieren, 3 Monate abziehen, ein Jahr addieren. Beispiel: LMP 10.06.2026 → 17.06.2026 → 17.03.2026 → 17.03.2027. Das ist der ET nach Naegele bei 28-Tage-Zyklus. Bei abweichender Zykluslänge nutzt du besser unseren Rechner mit Zykluskorrektur.
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